Bielefeld, 18. Juni 2026 – Zum achten Mal brachte die Hinterland of Things Konferenz in Bielefeld über 2.000 Gestalter und Taktgeberinnen der deutschen Technologie-Szene und Wirtschaft zusammen. Unter dem Motto „and ACTION“ wurde die Stadthalle Bielefeld erneut zur Plattform für die Themen, die Deutschland und Europa aktuell bewegen: Souveränität, Kapital, Transformation, DeepTech – und die Frage, wer die nächste Wachstumswelle anführt.
Wer auf der Hinterland Stage saß, bekam keine langen Analysen darüber zu hören, was alles schiefläuft. Stattdessen ging es um die Frage, was jetzt zu tun ist. Die Antworten waren klar, konkret und nicht immer bequem.
Um die zentralen Linien des Tages greifbar zu machen, haben wir einige Soundbites aus den Diskussionsrunden und Interviews auf den Bühnen herausgefiltert.
6 Themen, die den Ton setzten:
Den schärfsten Einstieg des Tages lieferte René Obermann, Managing Director bei Warburg Pincus und früherer CEO der Deutschen Telekom. In seiner Keynote zu den Grundelementen europäischer Souveränität ließ er keine Deutungsspielräume: „Wir schießen uns durch Risikoaversion und durch Überregulierung seit Jahrzehnten beim Laufen ins eigene Knie, in Europa.“ Und weiter: „Europa hat das Geld, die Industrie und die Technologie, um sich aus diesen gefährlichen Abhängigkeiten zu befreien. Was uns fehlt, ist der gemeinsame gesellschaftliche und der politische Wille und die harte Konsequenz, um militärische Kleinstaaterei in Paris, in Berlin und anderswo in Europa zu verlassen.“
Obermann machte deutlich: „Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Das ist ein großes Missverständnis. Autarkie wäre naiv und schädlich.“ Was es braucht, so Obermann, ist eine integrierte europäische Strategie mit Kapital, das tatsächlich in Schlüsseltechnologien fließt, und einem politischen Willen, der über nationale Grenzen hinausgeht.
Dass Deutschland nach Jahren der Rezession und Stagnation wieder auf Wachstumskurs kommen muss, war Konsens.. Die Frage war: Wer muss liefern – und wie? Im Panel „The Growth Agenda“ diskutierten Sigrid Nikutta, ehemalige Deutsche Bahn Cargo Chefin, Romy Schnelle vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Annika von Mutius von Empion gemeinsam mit Solveig Rathenow (Business Insider) die konkreten Blockaden.
Nikuttas Diagnose war eindeutig: „Ich glaube, dass unser sehr enges Regelset gepaart mit einer gewissen Mutlosigkeit und fehlendem Vertrauen – dass das die größten Dinge sind, die uns am Wachsen hindern.“ Von Mutius, die Beiratsmitglied des Wirtschafts- sowie des Digitalministeriums ist, schilderte den Alltag als Gründerin: „Wir haben riesige bürokratische Hürden. Es gibt so viele Dinge, die komplex sind, aber die wirkliche Herausforderung aus Unternehmersicht ist der Arbeitsmarkt und das Arbeitsmarktrecht.“
Romy Schnelle vom HTGF lieferte eine ernüchternde Zahl: 50 Prozent aller Finanzierungen im Portfolio des High-Tech Gründerfonds – 800 Unternehmen – stammen von Kapitalgebern aus den USA oder Asien. Ihre Forderung: „Deutschland könnte schneller wachsen, wenn wir Fokus auf das Wesentliche legen, weniger Kleinstaaterei haben, mehr gemeinsam anpacken, weniger Bürokratie, mehr Kapital und geringere Energiekosten.“
Kapital war auch das Leitthema des Panels „Where Capital Flows Next“.Die Investorinnen und Investoren Janna Ensthaler, bekannt aus TV-Show “Die Höhle der Löwen”, Florian Heinemann von Project A und Daria Saharova vom World Fund sezierten gemeinsam mit Sarah Heuberger (Manager Magazin) die Lage des europäischen Tech-Ökosystems. Enstalers Befund war unmissverständlich: „Hier kannst du eben ein großer Fisch in kleineren Teichen sein. ’21 war der europäische Tech-Markt ein Drittel vom amerikanischen, heute ist der europäische noch ein Fünftel. Also wir werden, was die Größe und das Momentum angeht, gerade schon sehr stark abgehängt.“ Und mit Blick auf die gesellschaftliche Dimension: „Das ist ein Fehler, weil wir die zukünftigen Zukunftsindustrien der Welt nicht mehr kreieren, weil wir diese Sparermentalität haben.“
Stefan Klebert zeigte am Beispiel GEA, was industrielle Transformation konkret bedeutet: Das Unternehmen hat seine Scope-1- und Scope-2-Emissionen bereits um 260 Prozent gegenüber 2019 reduziert und investiert derzeit etwa das Dreifache seiner Abschreibungen, so Klebert. „Eine Firma kann keine Familie sein. Eine Firma ist verpflichtet zur Spitzenleistung und nur wenn eine Firma Spitzenleistung bringt, wird sie bestehen und wird am Leben bleiben.“
Als Konferenz, die sich bewusst “im Herzen des deutschen Mittelstands” verortet war die Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Unternehmen ein gesetztes Thema – und zeigte echte Fortschritte gegenüber den Vorjahren:. „Ob“ ist keine Frage mehr sondern „wie“.
Carsten Maschmeyer, der mit seinen Venture-Capital-Fonds in über 150 Technologie-Startups investiert hat, brachte die Dynamik auf eine prägnante Formel: „Start-ups und Mittelstand passen besser zusammen als Großkonzerne und Start-ups.“ Und zum Tempo, das dabei gefragt ist: „Die Weltwährung der Zukunft in der Economy ist Speed.“
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte Eduard Richard Dörrenberg, Geschäftsführer der Dr. Wolff Group, in seinem Impuls. Das Bielefelder Familienunternehmen hat KI bereits tief in seine Marketingprozesse integriert: „Der [TV]Spot ist komplett AI. Der wurde in einer Woche gemacht, ungefähr zu einem Fünftel bis einem Zehntel der normalen Kosten“, so Dörrenberg. Die Vision dahinter ist klar: „Wir haben die klare Vision, dass wir relativ schnell eine Real-Time-Data-Driven-Company sein werden.“ Im anschließenden Panel „Beyond the Buzzword“ diskutierte Dörrenberg gemeinsam mit Tobias Kemkes, Gründer von Langdock, und Dennis Cutraro, Gründer von Unfuture, und Maximilian Sachse (FAZ) über ihre konkrete Partnerschaft, gemeinsame Projekte und wie KI im Mittelstand tatsächlich eingeführt wird – von konkreten Anwendungsfällen über organisatorische Voraussetzungen bis hin zu den größten Hürden aus der Praxis.
Ein weiteres Beispiel lieferte die Böllhoff Group im Panel „Family Business, Startup Mindset“ gemeinsam mit Thorsten Giersch (Markt & Mittelstand). Das 150 Jahre alte Familienunternehmen mit Wilhelm Böllhoff an der Spitze setzt auf das, was Rainer Berak von A11„Rekurbation“ nennt: das eigene Geschäftsmodell disruptiv neu aufsetzen, bevor es ein anderer tut. Mit der Ausgründung der GetSpecialFastners GmbH hat Böllhoff eine agile Einheit geschaffen, die Sonderartikelanfragen – früher ein wochenlanger Prozess – in wenigen Stunden bearbeitet. Kevin Jostmeyer-Zelles, Geschäftsführer der neuen Einheit, brachte die Logik dahinter auf den Punkt: „Ich will auch gerne Schrauben verkaufen, nur den Weg dahin mache ich anders.“ Und Berak ergänzte mit dem Rat, der das Mindset des Tages trifft: „Gründe deinen Albtraum eines Wettbewerbers.“
Im Panel „DeepTech Breakthroughs“ machten Maximilian Oligschläger von ERC Systems und Matthias Lehna von Quantum Systems im Gespräch mit Luca Carraciolo (t3n) deutlich, dass die nächsten großen Unternehmen Europas nicht aus Software, sondern aus Hardware kommen werden. Lehnas Einschätzung: „Ich glaube, KI hat auch gezeigt, dass manche Business Cases, die nur auf Software basieren, einfach nicht mehr fliegen.“ Oligschläger ergänzte mit einem historischen Befund: „Ich glaube, in den letzten fünfzig Jahren gab es keine Firma in Europa, die ansatzweise hundert Milliarden wert war. Und ich glaube, wenn wir solche Firmen haben, dann wird das im Deep-Tech-Bereich sein.“
Quantum Systems erwartet für dieses Jahr einen Umsatz von 27 Millionen Euro, so Lehna, und produziert mit dem Joint Venture Quantum Frontline Industries 10.000 Drohnen in Deutschland – ein Beispiel dafür, dass Industrialisierung von Forschungsergebnissen möglich ist, wenn der Wille da ist.
Das Panel „Financing Energy Sovereignty“ mit Armin Reinartz von Proxima Fusion, Dr. Sarah Theinert von UVC Partners und Frederike Holewik (Politico) zeigte, wie tief die Kapitallücke für solche Projekte ist. Theinert formulierte das strukturelle Problem: „Es ist nicht die Wissenschaft, es sind nicht die Leute, die arbeiten – es ist der Teil der Supply Chain, der dann irgendwann die Wachstumsfinanzierung finanzieren soll. Und da haben wir ein Problem, weil am Ende ein amerikanischer oder chinesischer Investor kommt, weil wir nicht in der Lage sind, genügend Wachstumskapital zu bewegen.“ Reinartz brachte die strategische Dimension für sich auf den Punkt: „Wenn Deutschland günstige Grundlast haben will, die immer funktioniert, ob die Sonne scheint, ob die Straße von Hormuz zu ist – dann ist Fusion die einzige funktionierende Alternative.“
Den Abschluss der Hinterland Stage gestaltete Ulrich Prediger, Gründer von JobRad, einem Unternehmen, das die Fahrradbranche neu definiert hat. Prediger, der gerade sein nächstes Venture startet, war überzeugt: „Wir haben das erste Mal die Möglichkeit als Gründer, nicht alles über Menschen zu skalieren, sondern über AI. Und das können die bestehenden Unternehmen nicht – aus Datenschutzgründen und Compliance und was weiß ich was alles. Aber als Start-up, ohne die ganze Legacy, habe ich die Wahnsinnschance, ganz, ganz viel über AI zu machen – und das sollte man nutzen.“
Sein Rat an Gründer:innen: „Man muss hundertprozentig davon überzeugt sein. Man muss tatsächlich ein bisschen naiv sein, weil sonst geht man das Risiko nicht ein.“
Zum dritten Mal fand der vom NRW-Wirtschaftsministerium initiierte OUT OF THE BOX.NRW Award sein Finale auf der Hinterland Stage. Der Award ehrt die innovativsten digitalen Start-ups aus Nordrhein-Westfalen und ist mit 50.000 Euro von der NRW.BANK dotiert. Aus zahlreichen Bewerbungen aus ganz NRW wurden zunächst die TOP26 und anschließend die TOP10 ermittelt, die im Finale live vor Jury und Publikum pitchten.
Den ersten Platz sicherte sich Osphim mit einer KI-gestützten Lösung für die Kunststofffertigung: Das Startup stabilisiert Fertigungsprozesse mit KI und reduziert dadurch Ausschuss, Materialverbrauch und die Abhängigkeit von manueller Expertise. Den zweiten Platz belegte Kaarlo, das psychosomatische Versorgung digital, skalierbar und dabei menschlich nah macht – und damit eine der drängendsten Lücken im deutschen Gesundheitssystem adressiert. Platz drei ging an ForesAIght, das Europas „unsichtbare“ KI-Prognoseintelligenz aufbaut und Unsicherheit in Echtzeit-Entscheidungen entlang von Lieferketten verwandelt.
„Nordrhein-Westfalen ist Start-up-Land – und das ist ein Grund zum Feiern! Digitale Lösungen und Künstliche Intelligenz sind dabei kein Selbstzweck: Richtig umgesetzt können sie unseren Alltag nachhaltiger, einfacher und besser machen. Wie das gelingt, zeigen die Start-ups beim OUT OF THE BOX.NRW. Mit kreativen Geschäftsideen, mutigen Entscheidungen und dem Anspruch, die Zukunft unseres Landes aktiv zu gestalten. Der Wettbewerb macht das riesige kreative Potenzial in NRW sichtbar – ein echtes Plus für eine wettbewerbsfähige und resiliente Wirtschaft. Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinnerteams“, so die Stellvertretende Ministerpräsidentin und NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.
Dominik Gross, Geschäftsführer der Founders Foundation und Gastgeber der Konferenz, fasste den Geist des Tages zusammen: “Die 8. Hinterland of Things hat gezeigt, dass Deutschland und Europa die Antworten kennen. Was jetzt zählt, ist der Mut, sie auch umzusetzen.”
Die nächste Hinterland of Things Konferenz findet am 10. Juni 2027 statt.
Anna-Luisa Korte
Director Brand & Content
Founders Foundation gGmbH
anna@foundersfoundation.de